Z e n s u r und die Prinzipien des Netzes

Von Felipe Rodriquez


Felipe Rodriquez, Geschäftsführer des holländischen Internet-Service-Providers "xs4all" und Mitbegründer der "Digitalen Stadt Amsterdam", ist ein mögliches Angriffsziel deutscher Staatsanwälte, seit auf den Servern von "xs4all" eine verbotene Ausgabe der Autonomenzeitschrift Radikal ins Internet gestellt wurde. Rodriquez, der selbst einer der ersten war, die sich für eine wirkungsvolle Selbstkontrolle gegen Kinderpornographie im Internet eingesetzt haben, hat sich in einem Rundbrief an Freunde zum Thema "Zensur und die Prinzipien des Netzes" geäußert. Mit seiner Genehmigung veröffentlicht SPIEGEL Online diesen Brief fast vollständig und in deutscher Übersetzung. In ihm berichtet Rodriquez auch von der auf seine Initiative eingerichteten holländischen Hotline gegen Kinderpornographie.

Es ist sehr riskant, wenn Staaten anfangen, Inhalte auf die falsche Weise zu zensieren, schlichtweg zu löschen oder zu blockieren. Die Gegenreaktion ist dann ebenso stark wie die zensierende Kraft. Wir werden einen neuen Begriff kennenlernen: den Informationskrieg. Die Netzbenutzer werden anfangen, Organisationen anzugreifen, die die Redefreiheit international und auf ungute Weise einschränken. Das sind grundlegende und vorhersagbare Prinzipien des Netzes.

Wir haben die erste Hotline in Holland eingerichtet, und sie hat für die niederländische Netzgemeinde viele Probleme gelöst. Unsere Regierung war sehr besorgt über eine Reihe von Dingen im Internet, besonders über Kinderpornographie. Für diese Sorgen war vor allem die Presse verantwortlich. Die Medien berichteten ohne Ende über diese vermeintlich "gewaltigen Probleme" im Internet. Wenn man nichts unternommen hätte, hätte die Regierung eine Gesetzgebung durchgesetzt, die weit mehr als nur Kinderpornographie bekämpft hätte. Es wäre wahrscheinlich eine unpraktikable und dumme Gesetzgebung geworden, denn unsere Politiker wissen sehr wenig von den unglaublichen Veränderungen des Netzes. Einige der Verantwortlichen verstehen etwas von der Sache, aber die meisten haben keine Ahnung von den Prinzipien des Informationszeitalters. Die "Infoconomy" geht über die konservativen Prinzipien der Alten Welt, über das Top-down-System, hinaus. (Einige nennen die Alte Welt eine Neue Weltordnung...) Die "Infoconomy" ist objektorientiert. Der Begriff "Infoconomy" leitet sich vom Begriff der Informations-Ökonomie ab. Aber Information ist nicht mehr notwendigerweise äquivalent mit Geld, deshalb ist der Begriff "Infoconomy" besser.

Ich habe die erste Hotline des Netzes geschaffen, hier in Holland, zuerst als eine Idee, dann als eine Gruppe von Personen, und schließlich als eine Realität. Ich habe die Internet-Service-Provider eingeladen, an dem Projekt teilzunehmen, sowie eine Gruppe von Internetbenutzern, den Betreiber eines Remailers, einen Internetspezialisten vom Büro für Verbrechensforschung und vom Büro gegen Rassendiskriminierung. Später hat einer der Teilnehmer des Projektes einen Psychologen hinzugeladen. Unser vorrangiges Ziel ist es, zu verhindern, daß pornographische Bilder von Kindesmißbrauch ins Netz gestellt werden. Die Personen, die am Projekt mitarbeiten, sind alle tief ins Netz eingebunden. Sie kennen das Internet sehr gut.

Die Hotline in den Niederlanden ist ein Warnsystem, sie zensiert nicht. Wir nehmen Beschwerden über Personen entgegen, die Kindesmißbrauchs-Pornographie ins Netz stellen. Die Hotline geht nicht hinaus und sucht diese Sachen selbst, sondern verläßt sich auf Netzbenutzer, die Straftaten melden. Die Hotline stützt sich nur auf die lokalen Gesetze. Die lokalen Gesetze sind nur in unserem eigenen Land anwendbar, deshalb können wir uns nur mit denjenigen Urhebern krimineller Inhalte beschäftigen, die offenkundig aus den Niederlanden stammen. Wenn ein Holländer Kindesmißbrauchs-Pornographie ins Netz stellt, wie sie durch das niederländische Gesetz definiert ist, dann bekommt diese Person eine Warnung der niederländischen Hotline. Die Person wird aufgefordert, die illegalen Inhalte vom Netz zu nehmen, und sie wird über die lokale Gesetzeslage aufgeklärt, auch über die Gesetzesstrafe, die sie riskiert. Wenn die Inhalte nicht vom Netz entfernt werden, meldet die Hotline den Autor den Behörden. Hier endet die Arbeit der Hotline. Nachdem die Verantwortung an die Behörden abgegeben worden ist, müssen sie sich mit dem Autor auseinandersetzen. Natürlich reagieren die Autoren alle, indem sie die Kinderpornographie aus dem Netz entfernen. Das Risiko, bestraft zu werden, gefällt ihnen nicht, also hören sie mit ihren Aktivitäten auf. Wenn die Autoren die Sachen nicht entfernen, übernehmen die Behörden und bearbeiten den Fall. Die Hotline kann die User nicht zensieren oder jemanden vom Netz abkoppeln. Sie kann nur Dinge melden.

Zur Zeit diskutieren wir innerhalb der niederländischen Hotline, ob wir auch Anbieter im Ausland warnen sollten. Das würde allerdings nur einen Sinn haben, solange die Inhalte auch im betreffenden Land illegal sind. Ein Hotline-System funktioniert letztlich nur bei Inhalten, die sowohl lokal als auch global verboten sind. Wenn Kindesmißbrauchs-Pornographie irgendwo in der Welt toleriert werden würde, würden die Autoren virtuell dorthin abwandern. Im Netz ist es sehr einfach, das Land und die Identität zu wechseln. Hol dir deine Daten ganz einfach von einem anderen Anbieter anderswo, gar kein Problem. Aber Kindesmißbrauchs-Pornographie ist überall illegal, also kann man international dagegen vorgehen. Benutzer und Provider in anderen Ländern denken jetzt darüber nach, ähnliche Hotlines wie die in den Niederlanden einzurichten. In England hat man mit einem ähnlichen System begonnen. Auch in Belgien arbeiten Leute an einer vergleichbaren Idee, ich teile ihnen unsere holländischen Erfahrungen mit. In Irland fängt man an, sich für den Gedanken der Hotline zu interessieren. Wenn die Hotline funktioniert und eine wirklich positive Wirkung zeigt, wird sie auch von anderen Gemeinschaften verwendet werden. Wenn sie einfach eine dumme Form der Zensur ist, werden die anderen Gemeinschaften diese Ideen nicht umsetzen und das Problem, das die Hotline zu lösen versucht, würde nie auf internationaler Ebene im Netz gelöst werden. Alles, was irgendwo im Netz zugänglich ist, ist für jedermann im Netz zugänglich. Es gibt kein Verfahren, wirklich den Zugang zu Netzknoten zu verhindern. Man kann immer das Telefonnetz benutzen und sich bei Internet-Service-Providern in anderen Ländern einwählen. Ich habe gehört, daß viele Saudi-Araber sich bei libanesischen Providern einwählen, um die rigide Zensur in Saudi-Arabien zu umgehen. Es stellt sich heraus, daß auch das rigideste Zensursystem im Internet leicht umgangen werden kann. Man benutzt einfach einen Proxy, Telnet, einen internationalen Einwahlknoten oder hundert andere Wege, einen Dienst in einem anderen Land aufzurufen. Grenzen werden so schnell überschritten, daß sie für die Information aufhören zu existieren.

Das Internet kann nicht national definiert werden, es gibt Tausende von weltweit verteilten Zugangsknoten. Jemand in China kann sich ganz einfach hinter einer US-amerikanischen Persönlichkeit verstecken. Ein Deutscher kann einfach einen holländischen Provider anrufen. Die Grenzen verschwimmen, Information transzendiert Grenzen. Es ist kein Problem einen Newsfeed anderswo zu bekommen. Überhaupt kein Problem, eine blockierte Web-Seite über einen offenen Proxyserver oder Anonymisierer aufzurufen. Es ist unmöglich, Information aus einer lokalen Perspektive zu zensieren, wenn man sich in einem globalen Medium befindet. Es wird immer irgendwo in der Welt einen Ansatzpunkt geben, den der örtliche User benutzen kann, um auf Information zuzugreifen, sie zu verteilen und fortzupflanzen. Nur gegen Dinge, die global verboten sind, kann man erfolgreich lokal vorgehen.

Die niederländische Hotline gegen Kinderpornographie ist von der niederländischen Justizministerin F. Sorgdrager eröffnet worden. Sie ist begeistert von der Idee und setzt sich international stark für sie ein. Ich habe von befreundeten englischen Service-Providern gehört, daß die Äußerungen unserer Justizministerin ausschlaggebend waren für die Gründung des englischen Hotline-Systems.

Jedes Land, das im Internet nationale Gesetzgebung strikt durchzusetzen versucht, hat ein Problem. In Deutschland ist die Veröffentlichung der Zeitschrift Radikal verboten. In anderen Ländern wird die Zeitung in Buchläden verkauft. Das bedeutet: In diesen Ländern wird die Zeitschrift auch auf Webseiten der lokalen Internet-Service-Provider zugänglich sein. Wenn ein bestimmtes Land, wie Deutschland, die lokal verbotenen Inhalte zu blockieren versucht, werden die Netzbenutzer diese Inhalte einfach kopieren. Einer meiner besten Freunde, Rop Gonggrijp, vertritt die Ansicht, daß das Netz ein holografisches Speicher-Medium ist. Man kann ein Hologramm in tausend Einzelteile zersplittern, aber die Information wird in jedem einzelnen Stück gegenwärtig sein. Im Netz wird Information fast endlos repliziert. Es ist unmöglich, etwas mit einem Bann zu belegen, wenn es in anderen Ländern dieser Welt toleriert wird. Die Information wird zu diesen anderen toleranten Orten wandern, und folglich im ganzen Netz weiterexistieren.

Information ist wie Geld. Sie wandert an jene Orte, wo sie auf die wirkungsvollste Weise reproduziert werden kann. Sie hat ihre eigenen Mechanismen, verschieden von allen Mechanismen, mit denen die gegenwärtigen lokalen Regierungen vertraut sind. Geld fließt auf beinahe natürliche Weise in Länder mit niedrigen Löhnen. In diesen Ländern werden Niedriglohn-Fabriken gebaut, einfach weil die lokale Gesetzgebung und Ökonomie solche niedrigen Löhne erlaubt. Information fließt auf dieselbe Weise. Wenn eine Veröffentlichung irgendwo im Netz zensiert wird, aber nicht überall, dann fließt sie an jene Orte, wo die Information weiterexistieren und sich fortpflanzen kann. Und weiter fortpflanzen. Und...etc. Evolution der Information, Informationsevolution. Manchmal entwickeln sich die Dinge wirklich blöd. Journalisten fangen an, Fragen über Schlagwörter wie "Terrorismus" zu stellen. "Im Internet gibt es Handbücher darüber, wie man Leute umbringt". "Das Netz sagt dir, wie man Bomben baut". "Der Bombenleger von Atlanta hat seine Informationen aus dem Netz". (tsssk... Er ist noch nicht mal gefunden worden... Jewell anzuklagen war ein ziemlicher Skandal, aber das Internet anzuklagen ist einfach schlichte Ignoranz und Blödheit.) Wer ist dafür verantwortlich, wenn jemand umgebracht oder in die Luft gesprengt wird? Richtig, der Bombenleger und der Killer. Nicht die Information selbst. Im Fernsehen habe ich tausend Weisen gesehen, wie man jemanden umbringen kann, tausend Weisen, Gebäude in die Luft zu sprengen. Tausend subversive Lebensweisen sind in unserer Zeit im Fernsehen gezeigt worden. In meiner bisherigen Lebensspanne habe ich mindestens eine Million Personen im Fernsehen sterben sehen. Hat das irgend jemanden gekümmert? Bedeutet es, daß ich jetzt los gehe, und eine Million Leute umbringe? Wenn ja, warum ist es dann nicht verboten, einen Mord im Fernsehen zu zeigen? Einige Leute stellen so dumme Fragen - wenn sie nur einmal für zwei Minuten nachdenken würden...

Man hat immer gesagt: "Information will frei sein". Das ist natürlich nicht der Fall, Bruce Sterling hat diese Idee dekonstruiert. Information kann nichts "wollen", sie hat keinen eigenen Willen. Aber viele Netzbenutzer wollen, daß Information frei ist, und deshalb wird die Information von ihnen freigesetzt werden.

Donnerstag, den 26. September 1996

Felipe Rodriquez